Im Jahr 2013 passierte das unglaubliche: 74.000 Menschen sagten inXile Entertainment ihre Unterstützung zu und sammelten rund 4 Millionen Dollar für die Entwicklung von Torment: Tides of Numenera, einem Nachfolger des 1999 erschienenen Spiels „Planscape Torment“. Am 28.02.2017, knapp vier Jahre später, erscheint nun der lang ersehnte Nachfolger. Torment: Tides of Numenera basiert auf einer Pen- & Paper-Vorlage und lässt den Spieler in eine ferne Zukunft eintauchen. Millionen von Jahre nach unserer heutigen Zeitrechnung, ein gänzlich neues Zeitalter. Eine Zeit in der selbst der Tod, mit Hilfe einer bizarren Technologie, dem Numenera,  überlistet werden kann.

Um dem sterblichen Schicksal zu umgehen, transferiert ein Mann  sein Bewusstsein, immer wieder in einen neuen Körper. Er entwächst dem menschlichen Sein und wird  zum allgegenwärtigen wandelnden Gott mit schier unendlichem Wissen. Doch die Überwindung natürlicher Gesetze bleibt nicht ohne Folge und so wurde der Kummer geweckt, der fortan unerbittlich Jagd auf die verstoßenen Körper der Gottheit macht. Kann das Gleichgewicht im Universum wieder hergestellt werden und das Spiel die Erwartungen seiner Unterstützer erfüllen?

Torment Tides of Numenera Sklavin

Fragen über Fragen

Das Abenteuer beginnt rasant, spektakulär und in schwindeliger Höhe. Was ist passiert? Wo bin ich? Wer bin ich?!? Für die Antwort auf diese quälenden Fragen bleibt keine Zeit, denn wir rasen unaufhaltbar dem Boden entgegen. Schnelle Entscheidungen müssen getroffen werden, um dem drohenden Ende zu entkommen. Und wer glaubt, er könne an dieser frühen Stelle im Spiel sein Schicksal mit falschen Entscheidungen nicht besiegeln, liegt falsch. Der wohl schnellste Tod in der Geschichte eines Rollenspiels ist problemlos innerhlab von knapp 30 Sekunden möglich.

Hat man das schier Unmögliche geschafft und den Absturz überlebt, geht es daran, mehr über unseren Charakter und die Welt herauszufinden, in die wir gestürzt sind. Wie sich schnell herausstellt, ist unser Schicksal unweigerlich mit dem Schicksal des wandelnden Gottes verwoben, denn wir sind in den zuletzt verstoßenen Körper des Gottes geschlüpft und beginnen verwirrt, gezeichnet und verfolgt vom Kummer, unsere fantastische Reise durch die unbekannten Gebiete der neuen Welt, auf der wir so unsanft gelandet sind.

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Die Qual der Wahl

Ohne viel Kenntnis über das Spiel und seine Möglichkeiten, beginnen wir nach einer kurzen Einführung mit der Erstellung eines Spielcharakters. Man kann aus drei spielbaren Klassen wählen. Die Kriegerklasse Glaive, der Magiebegabte Nano und den Abenteurer Jack. Drei Klassen, drei Grundattribute: Kraft, Geschwindigkeit und Intellekt. Zu diesen Attributen erhalten wir eine Vielzahl an verschiedenen Fähigkeiten, welche uns in Verhandlungen, im Kampf oder bei Erkundungen helfen können. Da zu diesem Zeitpunkt des Spiels noch nicht viel über die unterschiedlichen Möglichkeiten erzählt wurde, fällt eine Entscheidung für eine Klasse sehr schwer. Es ist noch nicht klar, welche der Eigenschaften uns im weiteren Spielverlauf und in Anbetracht der persönlichen Vorlieben am hilfreichsten sein wird. Da hilft nur eins: ausprobieren!

Doch damit nicht genug, auch Wegbegleiter müssen im Spiel weise gewählt werden. Schon zu Beginn des Spiels besteht die Möglichkeit, sich aus zwei Begleitern einen zu auswählen. Auch hier wissen wir nicht genug über die beiden Protagonisten, um eine echte Entscheidung treffen zu können und müssen uns entweder auf unseren 6. Sinn verlassen oder die Entscheidung auf später verschieben, bis sich mehr Puzzleteile zu einem Bild zusammengefügt haben. Hier gilt wie im gesamten Spiel, das eigene Handeln hat in jedem Fall Konsequenzen für den weiteren Spielverlauf, Entscheidungen müssen wohl überlegt sein.

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Born to be different!

Torment: Tides of Numenera ist wie sein Vorgänger zuvor, völlig anders als seine Rollenspielkollegen. Auf den abenteuerlustigen Spieler warten eine enorme Fülle an Dialogen und Texten, die studiert werden wollen. Während an Charakteroptimierung, Effekten, grafischer Ausführung und Vertonung gespart wurde, bleibt dem gewillten Leser die unendliche Weite seiner Vorstellungskraft, die im hypothetischen Kinosaal seines Kopfkinos, immer wieder auf die Probe gestellt wird. Die Dialoge sind sehr aufwändig gestaltet. Der ungeduldige Spieler wird schnell dazu neigen, die Dialoge zu überspringen in der Hoffnung, zum Action-Teil vozuspulen, aber das bringt hier nur wenig. Am Ende von Dialogen folgen weitere Dialoge und irgendwann erreicht man den Punkt, Entscheidungen treffen zu müssen, die man entweder nicht treffen will oder ihre Tragweite nur sehr schwer einschätzen kann. Daher heißt es: Lesen! Lesen! Lesen!

Torment Tides of Numenera wäre jedoch keine Pen-&-Paper-Adaptation, wenn nicht auch gewürfelt werden müsste! Glück ist ein elementarer Bestandteil des Spiels, sowohl in Dialogen, beim Erkunden aber auch in Kämpfen, wobei man diese mit etwas Geschick größtenteils umgehen kann. Jedoch muss an dieser Stelle kein Frust aufkommen. Wenn es wirklich wichtig ist, können Chancen durch den Einsatz von Punkten auf 100% aufgewertet werden. Auch unsere Begleiter können in schwierigen Situation eigene Schwachstellen ausbügeln.

Torment Tides of Numenera Ending

Kopfkino für mutige Leseratten und Rollenspielbegeisterte

Die Geschichte in allen ihren Feinheiten ist ein Meisterwerk, das steht außer Frage, aber auch Meister machen kleine Fehler. Der Fehlerteufel hat sich hier und da eingeschlichen und so tauchen immer wieder Rechtschreibfehler und Wortdopplungen in den einzelnen Texten auf. Vertont sind die wenigstens Passagen, so dass wir tatsächlich alles selber lesen müssen. Der Text ist in deutscher Sprache übersetzt, während die gelegentlichen Einspieler auf Englisch sind. Ganz nach der Devise: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“.

Auch Hilfestellungen während des Spiels sind eher sparsam gesät. Daher kann der Einstieg in das Spiel zu Weilen etwas holprig ausfallen. Auch grafisch ist nicht viel zu holen. Die Einstellungsmöglichkeiten fallen mau aus, sind aber auch nicht unbedingt notwendig. Es gibt zwar in jeder Szenerie viel zu entdecken, aber der Fokus liegt in den erzählten Geschichten und weniger in den optischen Details, so dass auf aufwändige grafische Darstellungen nicht viel Wert gelegt wurde. Die Macher geben eine grobe Richtung vor, der Rest ist der Vorstellungskraft und den Entscheidungen des Spielers überlassen. Immerhin haben wir direkten Einfluss darauf, das Schicksal des Gezeichneten selbst zu bestimmen. Die Musik im Hintergrund schafft es, die Welt in das richtige Licht zu rücken und untermauert die Szenerie des Kopfkinos mit der nötigen Stimmung.

Torment: Tides of Numenera
Fazit:
Kopfkino und stundenlanges Lesen ist nicht jedermanns Sache, egal wie innovativ und interessant die Geschichte sein mag. Für "Torment: Tides of Numenera" ist eines klar: Dieses Spiel muss mit der entsprechenden Aufmerksamkeit gewürdigt werden, die es verdient und das ist zeitaufwändig. Wer Action, blutige Kämpfe und atemberaubend realistische Darstellungen sucht, wird diese hier nicht finden. Freigeister und Freunde von Lese-Abenteuern werden jedoch auf ihre Kosten kommen. Der Einstieg in das Spiel gestaltet sich sehr schwierig, lässt man sich jedoch auf alles ein, verschwinden die vielen Fragezeichen nach und nach von ganz alleine. Dies kostet Zeit, Kraft und ganz viel Geduld. Bedingt durch die aufwändigen Texte sind Rechtschreibfehler zu verschmerzen. Torment: Tides of Numenera ist nicht vorbehaltslos für jeden Spieler zu empfehlen, wer sich jedoch darauf einlässt, erlebt ein Rollenspiel, dass es so seit Jahren nicht zu erleben gab.
7
Gelungen

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